Sonnenstrahlen brechen durch einen Baum bei Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang, im Hintergrund Berge.

Trauma und alte Erfahrungen

Was ist ein Trauma und warum hält es uns in der Vergangenheit fest?

Was ist ein Trauma? 

Traumata haben eine erstaunliche Bandbreite: von der brutalen Variante des Schocktraumas, dem ein massives Ereignis zugrunde liegt, bis hin zu einer Kleinigkeit, aus der durch die Wiederholung ein echter Horror wird – meist ein Entwicklungstrauma. 

Zum Entwicklungstrauma finde ich die Formulierung von Dami Charf genial, wenn sie sagt, dass ein Entwicklungstrauma aus dem alltäglichen Zuviel oder Zuwenig entsteht. 

Für mich sind Traumata gar nicht ungewöhnlich, denn ich denke, dass wir alle mit etlichen Traumata durch die Welt laufen. Ein Trauma zu haben, ist dabei niemals banal, aber leider ziemlich alltäglich und normal. 

Aus einem Trauma entwickelt sich oft ein Muster, das ich heute als belastend empfinde, so dass ich bestimmte Dinge immer wieder auf eine bestimmte Art erlebe, wieder und wieder. Immer dieselben Gedanken oder dasselbe Gefühl. 

Grundlegend kann man sagen, dass ein Trauma immer aus einem Ereignis oder einer belastenden Zeit entsteht. Diese Ereignisse können sehr klein sein: Wenn eine Mutter oder ein Vater ihr Kind z. B. oft mit hochgezogenen Augenbrauen anschauen, kann das beim Kind eine schreckliche Angst oder ein Gefühl von Abwertung auslösen. Wiederholt sich das oft genug, ist das für das Kind traumatisierend. 

Kann man ein Trauma heilen? 

Mit dem Wort “heilen” bin ich sehr vorsichtig. Ich mache keine Heilsversprechen. 

Ganz persönlich glaube ich: ja. Aber was “Heilung” dann wirklich ist, definiert jeder für sich selbst. 

Was ich zumindest sagen würde: Man kann ein Trauma bzw. dessen Folgen, die man erlebt, sehr, sehr stark reduzieren, sowohl die Gefühle, wenn man an das traumatische Ereignis denkt, als auch die heutigen Muster, das daraus resultiert. Dann ist das Trauma zwar nicht “weg”, denn ich habe schließlich erlebt, was ich erlebt habe, aber nicht mehr so belastend. 

Wie kann ein Trauma heilen?

Meine Arbeit setzt bei einem Automatismus an, der aus der Verschmelzung von Gefühl und Körperreaktion entsteht. 
Oft hört und liest man: Ein Trauma sitzt im Körper oder wird dort gespeichert. Der Meinung bin ich auch. Genauer ist allerdings, ein Trauma “sitzt” ganzheitlich: Im Körper, auf der Gefühlsebene, in den Gedanken. Es gibt nicht den einen Ort, wo es sitzt. 

Wenn ein Mensch z. B. an ein traumatisches Ereignis denkt oder es einen aktuellen Trigger gibt, reagiert immer der Körper und das automatisch. Es ziehen sich immer bestimmte Muskelpartien zusammen und man hört fast komplett auf zu atmen. Das ist bei jedem Trauma eine Schutzreaktion: Um die schrecklichen Gefühle nicht mehr fühlen zu müssen, ziehen sich automatisch bestimmte Muskelpartien zusammen. Mit der Anspannung werden die Gefühle erstmal unter- oder wegdrückt. Für Kinder funktioniert das hervorragend. 

Als Erwachsene erleben wir diese Automatismen und Muster jedoch oft als einschränkend, denn sie reaktivieren bei spezifischen Anspannungen unser kindliches Traumagefühl. Deswegen setze ich genau an dieser Stelle an. 

Trauma-Arbeit: So arbeite ich mit traumatisierten Menschen 

Ich setze beim heutigen Erleben mit der Ausgangsfrage an: Was erleben meine Klient:innen auf welche Art und Weise, dass es sie stört? 

Ein Beispiel: Eine Frau hat einen neuen Partner und leidet permanent unter der Angst, verlassen zu werden, weil sie denkt, etwas Falsches machen oder sagen zu können. Wenn sie den Mut aufbringt, ihren Partner zu fragen, ob er sie verlassen möchte, lacht er und fragt sie: “Wie kommst du denn darauf? Nein, ich will dich natürlich nicht verlassen!” 

Auch nach 10 Monaten der Partnerschaft hat sie weiterhin täglich panische Angst, obwohl ihr ihr Partner oft versichert “Nein, ich liebe dich! Ich will dich nicht verlassen.”  

Diese Angst vor Ablehnung oder Verlassensangst hat die Frau als Kind oder Jugendliche “gelernt”, wahrscheinlich bei ihren Eltern. Viele Trauma-Methoden oder -Therapien würden hier ansetzen: bei den Eltern, in der Vergangenheit. 

Ich arbeite mit der Frau mit dem, was sie heute mit ihrem Partner erlebt. Denn das soll sich ja ändern. Sie ist in permanenter Anspannung, seit sie mit ihm zusammen ist. Und das Verrückte ist, dass heute die Anspannung selbst das kindliche Traumagefühl auslöst. Die Anspannung und die Angst sind tief miteinander gekoppelt. 

Erstmal würde ich also schauen: Was löst die Angst vor Ablehnung körperlich bei ihr aus: 

  • Welche Muskeln ziehen sich zusammen? 

  • Wie ändert sich der Atmen? 

  • Wie fühlt sich diese Angst körperlich an? 

Die Muskelpartien, die so stark anspannen, sind bei jedem Menschen unterschiedlich. Und nach meiner Erfahrung ist es so, dass in diesen Muskelpartien das Trauma “eingekörpert” worden ist. 

Das Ziel ist also, die Anspannung langsam zu lösen, damit dieser Bereich des Körpers wieder entspannen kann und so den Automatismus von Gefühl und Körperreaktion zu beenden. Es braucht einen körperlichen und emotionalen Flow. Bei einem Trauma gibt es den nicht. Denn dann steckt man in einem Gefühl fest. Die angespannten Muskeln halten das Gefühl regelrecht fest. 

Was ist mit Flow gemeint und warum ist er so wichtig?  

Mit Flow meine ich wortwörtliches Fließen. Eine Selbstregulation: Wenn ich körperlich/muskulär entspannen kann, dann können nicht nur meine Körpersäfte und Energien, sondern auch meine Gefühle wieder fließen. In der Grinberg Methode werden Gefühle mit dem Element Wasser assoziiert. Gefühle wollen fließen – sie wollen kommen und wieder gehen, ohne festgehalten zu werden. 

Erst wenn unsere Gefühle fließen können, wir also einen Flow haben, kann unser Körper (oder unsere Körperintelligenz) mit ihnen arbeiten. Dann können unsere Gefühle transformiert oder integriert werden oder unser System verlassen. Ich habe keine Ahnung, wie genau er das macht, aber es ist für unseren Körper etwas sehr Natürliches. 

Ich muss also entspannen und einen Flow erlauben, damit mein Körper auf diese wunderschöne Art für mich arbeiten kann. So kann auch ein Trauma unser System verlassen oder reduziert werden und wir kommen langsam wieder aus unserem kindlichen Erleben raus. Die Frau, von der oben die Rede ist, kann dann erst merken: “Ah, mein Freund liebt mich tatsächlich und will mich gar nicht verlassen.” und dieses neue Gefühl reinlassen. Vorher konnte das nicht bei ihr andocken.