Verlorenheitsgefühl und Freundschaft - Sitzung mit Ines
Ines ist seit einigen Jahren depressiv und nimmt auch gering dosiert Medikamente. Eines ihrer Hauptsymptome ist eine generelle Unzufriedenheit. Ich frage sie, ob sie das beruflich und privat kennt: „Beruflich läuft es bei mir eigentlich immer gut“, grenzt sie das Gefühl ein und beschreibt es dann genauer als Verlorenheitsgefühl, sie fühle sich insgesamt in der Welt verloren. Das macht ihr Angst und bedrückt sie. Am Anfang unserer Sitzung ist das Gefühl bei 5 (auf einer Skala von 0 – 10, wenn 0 keine Verlorenheit ist).
Ines hat einen recht großen Freundeskreis mit alten, wirklich vertrauten Freundinnen aus der Schulzeit und neueren oder neuen Freund*innen, mit denen sie vor allem viel unternimmt, die auch langsam vertrauer werden und neue Freundschaften wachsen. Es gibt also ganz unterschiedliche, schöne Bindungen. Das kann aber irgendwie nicht in ihrem System andocken.
Dieses Verlorenheitsgefühl ist also alt und hat mit Ines heutigem Leben gar nichts mehr nichts zu tun. In ihrer Kindheit war ihre jüngere Schwester dominant und hat mit ihrer Art und ihren Aktionen die Eltern - die durch Streitereien sowieso viel mit sich selbst beschäftigt waren – permanent auf Trab gehalten. Ines war immer unkompliziert und wollte nicht noch mehr Störungen verursachen. So bekam sie sehr wenig Aufmerksamkeit und Anerkennung. Es waren zwar die ganze Zeit nahe Menschen bei ihr – aber ohne Nähe. Sie hat sich nicht gesehen, nicht geliebt gefühlt. Diese Gefühlslage ist ein Muster geworden und entspricht dem, was sie noch heute sehr oft erlebt.
Unser Ziel ist es, dass ihre jetzigen Erfahrungen mit ihren Freudinnen in ihrem System wahr genommen - im wörtlich Sinne „für wahr genommen“ - und wirklich rein gelassen werden.
Ich bitte Ines die Augen zu schließen und an eine der neueren Freundinnen zu denken. Mit Sophie geht sie gerne Bouldern, aber auch Essen oder ins Kino. Sie haben einfach Spaß miteinander und werden in den Gesprächen langsam vertrauter. Ich bitte sie, den Spaß und das spezielle Freundschaftsgefühl mit Sophie zu fühlen und weich zu atmen. Sie soll auch gucken, woran sie merkt, dass Sophie sie mag und wertschätzt – denn das hat sie mit ihrer Ursprungsfamilie nicht erlebt. Ihr fallen direkt einige Situationen ein und ich bitte sie, wirklich körperlich zu fühlen, dass die gemocht und wertgeschätzt wird.
Eine Schulfreundin von ihr ist Eva. Sie sehen sich immer, wenn Ines in ihrer Heimatstadt ist. Es gibt eine schöne Offenheit und tiefes Vertrauen zwischen ihnen. Auch jetzt bitte ich sie wieder Eva, ihre Art und die spezielle Qualität dieser Freundschaft zu fühlen. Zu spüren, dass Eva sie mag und schätzt. Dabei nehmen wir uns wieder Zeit für einzelne Situationen.
Ines Körper kann dabei mehr und mehr entspannen. Manchmal zweifelt sie: „Stimmt das?“, aber dann merkt sie: „Aha, ja wirklich“. Es ist Freude und Genuss dabei und ihre Gedanken, Gefühle und ihr Körper werden ruhiger.
Am Ende fühlt sich ihr Körper angenehm schwer und viel langsamer an und ich bitte sie, draußen mit dieser Langsamkeit zu gehen, weil ihr ganzes System gerade etwas Neues lernt. Wenn sie jetzt in ihr normales Tempo geht, unterbricht sie diesen Integrations-Prozess.
„Wie stark ist jetzt dein Verlorenheitsgefühl?“, frage ich sie noch. „Hmm, … Drei … oder eigentlich nur Zwei“, korrigiert sie noch und staunt. Wir freuen uns!
Fachliche Einordnung:
Oft ist es gar nicht notwendig, dass wir wieder und wieder mit unserem Problem beschäftigen. Die Lösung wohnt dann schon in uns und wartet darauf, dass wir sie sehen und nutzen. Ines hat so viele schöne, andere Erfahrungen gemacht. Die brauchen einfach mehr Aufmerksamkeit! (Die Energie kann dann der Aufmerksamkeit folgen.) Unser negatives Muster wischt andere und neue, positive Erfahrungen erst mal einfach weg, als seien sie nicht real. Die Herausforderung ist also, diese neuen Erfahrungen wirklich rein zu lassen, damit sie auf allen Ebenen – körperlich, emotional und kognitiv – real werden können. Das ist, als ob wir ein neues Gewicht in die andere Waagschale legen; dafür arbeite ich mit dem Pantarei Approach.
Der Energiegrundsatz „Die Energie folgt der Aufmerksamkeit“ funktioniert umgekehrt leider auch. Dann kann es also sein, dass, wenn wir uns nur oder sehr viel mit unseren Problemen beschäftigen, wir diese energetisch füttern und sie immer stärker und präsenter werden.