Auf Augenhöhe – Sitzung mit Paula
Wütend sein war in Paulas Kindheit verboten. Dementsprechend wichtig war es für sie, ihre Wut zu unterdrücken. „Mit Wut kann ich einfach nicht umgehen“, sagt sie heute. Wir erforschen miteinander, wie ihr Körper bei Wut automatisch reagiert. Er will sie noch heute vor den potentiellen Reaktionen ihrer Eltern schützen. Um die Wut zu unterdrücken, ziehen automatisch ihre Schultern nach vorn und der Kopf nach unten. „In dieser Körperhaltung fühle ich mich wie ein Kind oder eine Jugendliche“, berichtet sie überrascht „und ich soll brav sein und still. Gehorchen.“
Wir arbeiten weiter mit diesem Thema und gegen Ende der Stunde bitte ich Paula, sich hinzustellen, nur den Kopf ein wenig zu neigen – so, wie sie es macht, wenn sie beim Gehen auf den Fußweg schaut - und einfach abzuwarten, was im Rest des Körpers automatisch passiert. „Meine Schultern gehen wieder nach vorn und ich werde wieder zum kleinen Mädchen, das still sein und gehorchen soll.“ Dann bitte ich sie, den Kopf aufzurichten und auf Augenhöhe zu gehen. „Ah“, Paula ist erleichtert, „so langsam werde ich wieder erwachsen.“ Ich frage sie noch, wie es sich emotional anfühlt, wenn sie wieder nach vorn guckt. Sie lacht und sagt: „Ich fühle mich ein bisschen frech.“
Sie nimmt den Kopf noch zweimal hoch und runter und erlebt jedes Mal etwas sehr Ähnliches.
Ich gebe ihr dann den Tipp, im Alltag so oft wie möglich auf Augenhöhe mit (potentiellen) anderen Menschen zu gehen, um die Erwachsene zu bleiben und den Kopf möglichst wenig nach unten zu neigen. „Mal gucken, was ich dann so alles erlebe“, sagt sie glücklich über unsere Entdeckung.
Fachliche Einordnung:
Bei dieser Sitzung geht es zwar um das Thema Wut, ich picke hier aber nur einen Aspekt der Stunde heraus, bei dem die Kopplung unserer Körperhaltung und uns sehr bekannten Gefühlen im Fokus steht. Diese Kopplungen sind sehr individuell und an unsere Geschichte gebunden. Es ist eine unglaubliche Wohltat, ihnen auf die Schliche zu kommen. Am Beispiel Paulas sieht man gut, dass sie regelrecht ein anderer Mensch wird, je nachdem ob sie nach unten schaut oder den Kopf auf Augenhöhe hebt. So schnell kann es manchmal gehen, dass man ein tiefgreifendes Muster verlässt. Wenn man so eine Erkenntnis hat, hat man die Wahl – und eine wundervolle Möglichkeit zur Selbstwirksamkeit.
Mehr zur angewendeten Methode – die Grinberg Methode – findest du hier.